In der BDSM Szene sind viele Bondagefans fasziniert von der fantastischen Fesselkunst Japans, obwohl wir aus einem anderen, aber sicherlich ebenso spannenden Kulturkreis kommen. Die Sprache der Rigger (Terminologie der Bondageszene) verwendet viele japanische Worte für diverse Fesselmuster und ein Großteil der Bondageperformances ist asiatisch geprägt (Kleidung, Musik usw).

Ein Teil der Faszination ist sicherlich dadurch begründet, dass in Japan Dinge mit großer Hingabe und Disziplin durchgeführt werden. Shibari (Japanisches Bondage) ist herrlich ritualisiert und eine Performance hat schon etwas von einer Zeremonie an sich. Zudem scheint Shibari eine lange Tradition zu haben, auch wenn ich bisher keine geschichtswissenschaftliche Beweise kenne. Glaubt man den Informationen und Auslegungen ist Shibari eine alte Samuraikunst aus dem 16. Jahrhundert (Hojo Jutsu), die nach dem Zweiten Weltkrieg wiederbelebt wurde. Persönlich denke ich, dass es ein Gemenge aus echter und vermuteter Tradition, eigener Ideen, historisch Korrektem und moderner Adapation und Entwicklung ist.

Die internationale Bondageszene hat seit den 80er Jahren eine tolle Entwicklung durchgemacht und ist Sammelbecken unterschiedlicher Strömungen, Ansätze  und Stile geworden. Mittlerweile gibt es unzählige Rigger und Ropebunnys, Gruppen, Stammtische, Fotografen, Bücher und Workshopanbieter. Sogar eine große Messe (Boundcon) habt sich etabliert und die ersten Shibari Dojos haben auch in Deutschland ihre Pforten geöffnet.

Aber manchmal frage ich mich, warum wir uns nicht auf unsere eigene Tradition, Kulte, Riten und Mythologien und auf unseren eigenen Kulturkreis besinnen.

Einige Beispiele:

  • Odin hing 9 Tage in einer Art Initiationsritus im Weltenbaum Yggdrasil… das ist die längste mir bekannte Suspension (an Seilen aufhängen)
  • Es gab einen Ritus bei den Sueben den Heiligen Hain nur gefesselt zu betreten (siehe Tacitus).
  • Moorleichen (z.B. der Junge von Kayhausen) wiesen raffinierte Fesselungen von Hals, Händen und Füßen auf und wurden entweder als Opfer oder zur Strafe versenkt.
  • Der Fenriswolf wurde durch Fesseln entgültig gebunden und verbannt (Mythologie)
  • Es gibt im keltisch-germanischen Kunsthandwerk wunderschön geflochtene Knoten und Motive (Triskele, Knoten der Brigid usw.)
  • Unsere schöne, mittelalterliche Kleidung
  • Es gibt wunderschöne mittelalterliche Musik die man als Untermalung einer Performance nützen kann.
  • Es gibt den „Hexenflug“ der meines Erachtens auf Drogenerfahrung hinweist, aber ebenso dem „Wegfliegen“ bei einer Bondagesession ähnlich ist.
  • Es gibt wunderschöne schamanistische Rituale (Tradition), wie zum Beispiel das Ziehen des  Ritualkreises und das Feiern des Jahresrads
  • Es gibt zur Untermalung von Sessions eine Tradition im rituellen Räuchern mit Harzen und Kräutern
  • Die Knotenmagie (wir machen heute noch einen Knoten ins Taschentuch um uns zu erinnern)

Mir fehlt es da leider in vielen Bereich an fundiertem Wissen (Ich arbeite daran) und ich würde mich freuen belastbare Informationen über diese Dinge zu erhalten.

Mein Ziel ist es, eine künstlerische Auseinandersetzung zwischen Bondage und unserer eigenen (vorchristlichen) Tradition zu starten und da ich meinen Projekten gerne einen Namen gebe, habe ich mich für „Gleipnir“ entschieden.

Gleipnir (altnord. Verschlinger) ist in der nordischen Mythologie ein besonderer magischer Faden, der von Zwergen gefertigt wurde, um den Fenriswolf an einen Felsen zu ketten. Hergestellt wurde er laut der Überlieferung aus Dingen, die es seither nicht mehr gibt: dem Geräusch des Tritts der Katzen, den Bärten der Frauen, den Sehnen der Bären, den Wurzeln der Berge, dem Atem der Fische und dem Speichel der Vögel. Befreien kann sich der Fenriswolf erst zu Ragnarök, wenn er gegen Odin in den Kampf zieht und ihn tötet.²

Es geht mir nicht darum in Konkurrenz zu Shibari zu gehen, sondern für mich (der dem Wicca zugetan ist) einen neuen Weg zu finden, meine Leidenschaft für Bondage mit den heidnischen Kulten und Riten unserer eigenen (Nord-West-Mittel Europäischen) Geschichte zu verbinden…

Selbst wenn auch hier die historischen Quellen teilweise fragmentarisch sind, gibt es doch viele schriftlich überlieferte Belege.

Beispiele:

  • Die Isländische Eddas und Sagas
  • Der römische Gelehrte Tacitus
  • Schriften von Plutarch, Poseidonius, Strabo, Suetonius, Marcellinius uvm.
  • Runeninschriften
  • Gefundene Fragmente und Votivinschriften (teilweise vorchristlich)
  • Holzschnitzereien (z.B. Nydam Boot)
  • 1000.de Berichte der Inquisition (ab 13. Jhd)
  • Grimms Märchen (ja, wirklich!)

Ich bin selbst ziemlich gespannt 🙂

Wosch

Impressionen (Ein Klick auf das Bild öffnet die Serie):

Danke an M., Hapagornis, M. und Kathrin

Gleipnir

 

 

 

 

 

 

 

 

²Quelle Wikipedia
³Danke für die Inspirationen an die Two Knotty Boys, ABOK, TIAT, Clifford Ashley